
Der Mann sitzt im Café und starrt in seine Tasse. Draußen regnet es. Die Kellnerin bringt noch einen Kaffee, ungebeten. Sie kennt ihn schon länger. Seit Wochen kommt er täglich, bestellt dasselbe, sagt kaum etwas. Früher hatte er eine Firma geleitet, wichtige Termine, Verantwortung. Jetzt ist er im Ruhestand. Die Zeit dehnt sich, endlos und leer. Was soll das alles noch, fragt er sich manchmal. Wozu? Diese Frage ist der Ausgangspunkt einer Psychotherapie, die in den Konzentrationslagern des Zweiten Weltkriegs entstand und heute wieder an Bedeutung gewinnt. Viktor E. Frankl, österreichischer Arzt und Überlebender von Auschwitz, entwickelte die Logotherapie aus der fundamentalen Beobachtung heraus, dass Menschen nicht primär nach Lust oder Macht streben, sondern nach Sinn. Er nannte es den Willen zum Sinn. Wer einen Grund zum Leben hatte - eine Vision, eine Aufgabe, eine geliebte Person -, der überlebte selbst das Unfassbare eher als jene, die diesen inneren Kompass verloren hatten.
Anders als viele andere therapeutische Verfahren richtet die Logotherapie den Blick nicht auf verdrängte Kindheitskonflikte oder neuronale Muster. Sie fragt: Was verlangt das Leben gerade von mir? Diese Umkehrung ist radikal. Nicht der Mensch befragt das Leben, sondern das Leben befragt den Menschen. In jeder Situation lauere eine Sinnmöglichkeit, schrieb Frankl, selbst angesichts von Leid, Schuld oder dem Tod. Frankl unterschied dabei drei Wege zum Sinn, drei Kategorien, in denen sich Bedeutung entfalten kann: durch Schaffen - also kreative oder produktive Arbeit. Durch Erleben - intensive Begegnungen, Liebe, die Schönheit der Natur. Und schließlich, vielleicht am herausforderndsten: durch die Haltung gegenüber unvermeidbarem Leiden. Wie wir unserem Schicksal begegnen, wenn wir es nicht ändern können, das sei die ultimative Freiheit des Menschen. Diese Philosophie klingt zunächst abstrakt, fast zu hoch gegriffen. Aber in der therapeutischen Praxis wird sie überraschend konkret. Eine Frau, die ihre Partnerin verloren hat und in tiefe Trauer fällt, könnte in der Logotherapie einen Weg finden, diesem Verlust eine Form zu geben - vielleicht durch die Unterstützung anderer Trauernder, vielleicht durch ein Projekt, das der Verstorbenen wichtig gewesen wäre. Ein Mann, der trotz beruflichen Erfolgs ein dumpfes Gefühl der Leere verspürt, lernt zu fragen: Was fehlt mir wirklich? Was würde ich vermissen, wenn ich nur noch eine Woche zu leben hätte?
Logotherapie arbeitet nicht mit standardisierten Übungsblättern oder Verhaltensprotokollen. Ihr wichtigstes Instrument ist das Gespräch, genauer: der sokratische Dialog. Der Therapeut stellt Fragen, die den Menschen ins Nachdenken bringen. Er gibt keine fertigen Antworten. Stattdessen hilft er dabei, dass der Klient seine eigenen entdeckt. Diese Haltung wurzelt in der Überzeugung, dass jeder Mensch eine ureigene Verantwortung für sein Leben trägt und dass diese Verantwortung nicht delegiert werden kann. Zwei weitere Techniken haben sich in der Praxis bewährt: die Dereflektion und die paradoxe Intention. Bei der Dereflektion geht es darum, den Fokus von sich selbst wegzulenken. Menschen, die unter Ängsten leiden, kreisen oft endlos um ihre Symptome. Je mehr sie sich beobachten, desto stärker wird die Angst. Die Logotherapie dreht diesen Prozess um: Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf etwas Sinnvolles außerhalb der eigenen Person. Wer unter Versagensangst leidet, könnte eine Tätigkeit ausüben, die ihm wichtig ist - mit voller Konzentration, ohne Selbstkritik, ohne ständiges Abchecken des eigenen Befindens. Die paradoxe Intention geht noch einen Schritt weiter. Sie fordert den Patienten auf, genau das zu tun, wovor er sich fürchtet - allerdings mit einer gewissen Übertreibung und einem Hauch von Ironie. Ein Mensch mit sozialer Angst könnte sich vorstellen, in einer Gruppe absichtlich extrem nervös aufzutreten. Das klingt zunächst widersinnig. Aber oft verliert die Angst dadurch ihre bedrohliche Macht. Sie wird entzaubert, fast lächerlich. Was man bewusst übertreibt, beherrscht einen nicht mehr.
Frankl verstand den Menschen als dreidimensionales Wesen: Körper, Psyche und Geist bilden eine Einheit. Diese dritte Dimension - das Geistige - unterscheidet den Menschen von anderen Lebewesen. Hier liegen die Fähigkeiten zu Willensfreiheit, Verantwortung, Ethik, Kreativität. Hier sitzt auch jener innere Kompass, der Sinn erkennen kann. Diese ganzheitliche Sichtweise hat praktische Konsequenzen. Viele körperliche Leiden, von Schlafstörungen bis zu chronischen Schmerzen, haben psychosomatische Komponenten. Wenn die psychische Belastung durch eine neu gewonnene Sinnperspektive nachlässt, entspannen sich oft auch die körperlichen Symptome. Eine Studie mit über hundert Patienten zeigte signifikante Verbesserungen nicht nur auf psychischer, sondern auch auf körperlicher Ebene nach existenzanalytisch-logotherapeutischer Behandlung. Der emotionale Effekt ist noch direkter. Wenn ein Mensch einen Lebenssinn erkennt - sei es in einer Krise, nach einem Verlust oder mitten in einer schweren Krankheit -, löst das oft Hoffnung aus. Gefühle von Verzweiflung und Sinnlosigkeit weichen einer neuen Zuversicht. Empirische Untersuchungen belegen mittlerweile, dass Logotherapie Angst- und Depressionssymptome deutlich reduziert. Eine aktuelle Übersichtsarbeit bei Frauen mit Brust- oder gynäkologischen Krebserkrankungen fand: Logotherapie minderte signifikant Angst, Depression und posttraumatische Belastung, während sie das Lebenssinn-Gefühl, die Lebensqualität und sogar posttraumatisches Wachstum förderte.
Natürlich hat auch die Logotherapie ihre Grenzen. Sie setzt voraus, dass ein Mensch in der Lage ist, über sich selbst zu reflektieren, Fragen zu stellen, Perspektiven zu wechseln. Bei akuten psychotischen Zuständen oder schweren Suchterkrankungen reichen sinnorientierte Gespräche allein oft nicht aus. Auch benötigt die Methode Zeit. Sie liefert keine schnellen Verhaltensrezepte zur Symptomlinderung. In Krisensituationen braucht es manchmal erst einmal akute Stabilisierung, bevor der Blick auf langfristige Sinnfragen gerichtet werden kann. Ein weiterer Kritikpunkt: Die Logotherapie hält am menschlichen Willen zur Sinngebung fest, fast optimistisch. In Extremsituationen mag das unrealistisch erscheinen. Es besteht die Gefahr, einem leidenden Menschen indirekt zu vermitteln: Du bist selbst schuld, wenn du keinen Sinn findest. Gute Logotherapeuten wissen darum und arbeiten mit großer Empathie. Sie setzen niemanden unter Druck. Sie begleiten, sie fragen, sie hören zu. Und wissenschaftlich? Lange Zeit war die Logotherapie dünn evaluiert, gestützt vor allem auf Einzelfallberichte und die eindrücklichen Memoiren Frankls. Das ändert sich. Neuere Studien liefern zunehmend robuste Wirksamkeitsnachweise. In einer retrospektiven Befragung von über hundert Patienten berichteten mehr als 90 Prozent von deutlichen Fortschritten in psychischen Symptomen, Gefühlen und Verhalten. Die Effektstärken waren groß bis sehr groß. Allerdings: Es handelte sich nicht um randomisierte kontrollierte Studien, der Goldstandard der Forschung. Die Autoren selbst wiesen darauf hin. Dennoch ist die Tendenz klar: Logotherapie wirkt, vor allem wenn die Lebenssituation des Patienten an einer Sinnleere krankt.
Zurück zum Mann im Café. Stellen wir uns vor, er beginnt eine logotherapeutische Behandlung. In den ersten Sitzungen würde er vielleicht zögerlich erzählen. Von den Jahren der Verantwortung, den wichtigen Entscheidungen, der plötzlichen Stille nach dem Ruhestand. Die Therapeutin würde fragen: Was hat Ihnen früher Bedeutung gegeben? Was vermissen Sie heute? Gibt es etwas, das Sie schon immer tun wollten? Vielleicht würde er sich erinnern. An ein altes Hobby, das er aufgegeben hat. An den Wunsch, sich für Jugendliche zu engagieren, seine Erfahrungen weiterzugeben. An einen nie verwirklichten Traum, ein Buch zu schreiben. Und vielleicht würde langsam eine Antwort auf die Frage entstehen. Nicht als große, endgültige Wahrheit. Sondern als kleine, konkrete Aufgaben. Ein Projekt. Eine Begegnung. Ein nächster Schritt. Frankl nannte das den tragischen Optimismus - die Fähigkeit, auch aus schwerem Leid positive Entwicklungen zu schöpfen, wenn man ihm eine Bedeutung zuschreibt. Nicht durch Verdrängung, nicht durch Schönreden, sondern durch eine innere Haltung. Leiden hört auf, Leiden zu sein, sobald es einen Sinn erhält, schrieb er in seinen Memoiren.
Am Ende steht nicht ein großes Glücksversprechen. Die Logotherapie verspricht keine Euphorie, keine dauerhafte Hochstimmung. Sie zielt auf etwas anderes: ein tieferes, nachhaltigeres Wohlbefinden, das sich aus Lebenssinn speist. Menschen, die einen starken Sinn in ihrem Leben sehen, weisen höhere Lebenszufriedenheit und Resilienz auf. Sie erleben Selbstwirksamkeit. Sie fühlen sich autonom, weil sie verstehen: Ich gestalte mein Leben. Sie transzendieren sich selbst, indem sie sich einer Aufgabe oder einem Wert widmen, der größer ist als sie selbst. Vielleicht ist das der eigentliche Beitrag der Logotherapie: Sie erinnert daran, dass Glück nicht nur ein Gefühl ist, sondern auch eine Haltung. Und dass diese Haltung erlernbar ist, trainierbar, kultivierbar - selbst unter schwierigsten Bedingungen. Viktor Frankl bewies das mit seinem eigenen Leben. Und Tausende nach ihm haben es ihm nachgemacht. Der Mann im Café bezahlt, steht auf, tritt hinaus in den Regen. Morgen wird er wiederkommen. Aber vielleicht bringt er diesmal ein Notizbuch mit. Oder er spricht die Kellnerin an. Kleine Schritte. Sinnspuren im Alltag.
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Aiello-Puchol, M., & García-Alandete, J. (2025). Effectiveness of meaning-centered psychotherapy on anxiety, depression, and quality of life in women with breast and gynecologic cancer: A systematic review with meta-analysis. PubMed.
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