Glück & Psychotherapie

Das PERMA-Modell der Positiven Psychologie: Fünf Wege, wie Menschen wirklich aufblühen

17. Oktober 2026
Das PERMA-Modell der Positiven Psychologie: Fünf Wege, wie Menschen wirklich aufblühen

Es ist Sonntagabend, die Woche liegt noch vor ihr, und trotzdem fühlt sich etwas leer an. Nicht traurig, nicht krank – einfach nur nicht richtig lebendig. Laura sitzt auf dem Sofa, das Kind schläft, der Partner scrollt neben ihr durchs Handy. Alles in Ordnung, und doch fehlt etwas. Aber was genau?

Genau an dieser Stelle setzt ein Modell an, das seit über einem Jahrzehnt die Wellbeing-Forschung prägt: das PERMA-Modell der Positiven Psychologie. Es liefert keine schnelle Antwort auf die Frage nach dem guten Leben – aber einen differenzierten Rahmen, um zu verstehen, woraus menschliches Aufblühen tatsächlich besteht.

Mehr als gute Laune – was PERMA eigentlich meint

Martin Seligman, der Begründer der Positiven Psychologie, stellte das PERMA-Modell 2011 in seinem Buch „Flourish" vor. Das Akronym steht für fünf Dimensionen: Positive Emotion (angenehme Gefühle wie Freude, Dankbarkeit, Gelassenheit), Engagement (tiefes Aufgehen in einer Tätigkeit, verwandt mit dem Flow-Konzept), Relationships (bedeutsame Beziehungen), Meaning (das Erleben von Sinn) und Accomplishment (Zielerreichung und das Gefühl, etwas zu schaffen). Das Entscheidende: Keine dieser Dimensionen allein reicht aus. Glück ist in diesem Verständnis kein einzelner Zustand, sondern ein Zusammenspiel. Man kann durchaus Erfolge feiern und sich trotzdem einsam fühlen. Man kann tiefe Beziehungen pflegen und dennoch keinen Sinn in der eigenen Arbeit erleben. Erst das Zusammenwirken der fünf Säulen erzeugt das, was Seligman „Flourishing" nennt – ein gelingendes, aufblühendes Leben.

Die Theorien hinter den fünf Buchstaben

Seligman hat das PERMA-Modell nicht im luftleeren Raum entwickelt. Hinter jeder Dimension stehen Jahrzehnte eigenständiger Forschung. Die Engagement-Dimension etwa geht direkt auf Mihaly Csikszentmihalyis Flow-Theorie zurück: jenen Zustand völliger Vertiefung, in dem Anforderung und Können im Gleichgewicht sind und die Zeit vergessen wird. Barbara Fredricksons Broaden-and-Build-Theorie wiederum erklärt, warum positive Emotionen mehr sind als flüchtiges Vergnügen – sie erweitern unser Denk- und Handlungsrepertoire und helfen, psychologische Ressourcen aufzubauen, die später in Krisen tragen.

Für die Meaning-Dimension lieferte bereits Viktor Frankl die existenzialpsychologische Grundlage. Sein Konzept des „Willens zum Sinn" wurde durch moderne Forschung bestätigt: Michael Steger und Kollegen zeigten mit dem von ihnen entwickelten Meaning in Life Questionnaire in zahlreichen Studien, dass Lebenssinn konsistent und deutlich mit Lebenszufriedenheit korreliert. Und die Relationships-Dimension wird durch die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan untermauert, die soziale Verbundenheit als eines von drei universellen psychologischen Grundbedürfnissen identifiziert – neben Autonomie und Kompetenzerleben.

Was die Forschung zeigt – und was nicht

Empirisch hat das PERMA-Modell beachtliche Unterstützung erhalten. Studien mit dem PERMA-Profiler, einem standardisierten Messinstrument, zeigen, dass die fünf Dimensionen tatsächlich unterscheidbare Facetten des Wohlbefindens erfassen, die über klassische Maße wie Lebenszufriedenheit hinausgehen. Fredricksons Longitudinalstudien belegen, dass induzierte positive Emotionen nicht nur kurzfristig wirken, sondern die Resilienz langfristig stärken. Fred Luthans' Forschung zum psychologischen Kapital ergänzt das Bild: Hoffnung, Selbstwirksamkeit und Optimismus korrelieren signifikant mit Wohlbefinden und Leistung – Ressourcen, die die PERMA-Dimensionen gleichsam aktivieren.

Gleichzeitig verdeutlicht die ökonomische Glücksforschung, warum das Modell wichtig ist: Richard Easterlins berühmtes Paradox zeigt, dass steigende Einkommen ab einem bestimmten Niveau kaum noch zu mehr Zufriedenheit führen. PERMA bietet eine Erklärung – Geld kann positive Emotionen und vielleicht Erfolgserleben fördern, trägt aber wenig zu Engagement, Sinn oder tiefen Beziehungen bei.

Wo die Grenzen liegen

Allerdings ist das PERMA-Modell kein unumstrittenes Universalrezept. Kritiker bemängeln, dass es kulturelle Unterschiede nur unzureichend berücksichtigt. Was als „Meaning" oder „Accomplishment" gilt, variiert erheblich zwischen individualistischen und kollektivistischen Gesellschaften. Zudem fehlt im Modell eine explizite Dimension für körperliche Gesundheit, obwohl diese nachweislich mit Wohlbefinden zusammenhängt – Seligman selbst hat später eine Erweiterung um „H" für Health diskutiert. Auch der Vorwurf eines gewissen Positivity-Bias ist nicht unberechtigt: Das Modell beschreibt Gelingen, sagt aber wenig darüber aus, wie Menschen mit Leid, Verlust oder struktureller Benachteiligung umgehen. Wohlbefinden entsteht eben nicht nur aus persönlichen Ressourcen, sondern auch aus gesellschaftlichen Bedingungen.

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Quellenverzeichnis

Seligman, M. E. P. (2011). Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-Being. Free Press.

Fredrickson, B. L. (2001). The Role of Positive Emotions in Positive Psychology: The Broaden-and-Build Theory of Positive Emotions. American Psychologist, 56(3), 218–226.

Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row.

Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2000). Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being. American Psychologist, 55(1), 68–78.

Steger, M. F., Frazier, P., Oishi, S. & Kaler, M. (2006). The Meaning in Life Questionnaire: Assessing the Presence of and Search for Meaning in Life. Journal of Counseling Psychology, 53(1), 80–93.

Frankl, V. E. (1959). Man's Search for Meaning. Beacon Press.

Luthans, F., Youssef, C. M. & Avolio, B. J. (2007). Psychological Capital. Oxford University Press.

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