Ein Sonntagabend im November. Marie sitzt am Küchentisch, vor sich zwei Jobangebote. Das eine verspricht mehr Gehalt, das andere mehr Gestaltungsfreiheit. Die Zahlen sprechen für sich, der Bauch dagegen. Marie merkt: Hier rechnet sie nicht. Hier verhandelt etwas in ihr, das tiefer liegt als Kalkül.
Was in solchen Momenten spürbar wird, nennt die Psychologie Werte. Nicht die großen Sonntagsreden-Werte, nicht Demokratie oder Menschenwürde im Abstrakten – sondern die stillen Überzeugungen, die bestimmen, wofür ein Mensch seine Lebenszeit tatsächlich einsetzt. Die Werte von Menschen sind so etwas wie ein innerer Kompass, der selten laut wird, aber fast immer mitentscheidet. Und die Forschung zeigt: Wer diesen Kompass nicht kennt, navigiert im Nebel.
Was Werte sind – und was sie von Normen unterscheidet
In der psychologischen Forschung werden Werte als übergeordnete, situationsübergreifende Lebensprinzipien definiert, die menschliches Handeln, Urteilen und Entscheiden leiten. Der Sozialpsychologe Shalom Schwartz, einer der einflussreichsten Werte-Forscher weltweit, beschrieb sie als „transsituative Ziele unterschiedlicher Wichtigkeit, die als leitende Prinzipien im Leben einer Person dienen". Das klingt abstrakt, meint aber etwas sehr Konkretes: Werte bestimmen nicht nur, was wir tun, sondern warum wir es tun.
Der Unterschied zu Normen ist dabei entscheidend. Normen regeln das Wie – man grüßt freundlich, man kommt pünktlich. Werte hingegen definieren das Wozu. Der Philosoph Hans Joas formulierte es so: Werte seien mit intensiven Gefühlen verknüpfte Vorstellungen darüber, „was eigentlich wahrhaftig des Wünschens wert ist". Sie können weder verordnet noch befohlen werden, sie müssen aus eigener Erfahrung erwachsen. Paradoxerweise schränkt die bewusste Bindung an einen Wert die Freiheit ein – und macht zugleich erst handlungsfähig.
Warum Werte über Wohlbefinden entscheiden
Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan liefert einen der stärksten Erklärungsrahmen dafür, wie Werte und psychisches Wohlbefinden zusammenhängen. Die Theorie identifiziert drei psychologische Grundbedürfnisse – Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit. Wenn die eigenen Werte diese Bedürfnisse nähren, steigt das Wohlbefinden. Wenn sie ihnen zuwiderlaufen – etwa weil jemand Status verfolgt, obwohl er Verbundenheit braucht – entsteht ein innerer Reibungsverlust, der sich in Unzufriedenheit oder Erschöpfung niederschlagen kann.
Besonders aufschlussreich sind die Arbeiten von Tim Kasser und Richard Ryan. In einer Längsschnittstudie mit 186 Studierenden zeigte sich, dass jene, die vorwiegend extrinsische Werte wie Reichtum, Ruhm und Attraktivität verfolgten, über ein Jahr hinweg signifikant mehr Angst und depressive Symptome entwickelten als jene mit intrinsischen Wertorientierungen. Die Effektstärke war bemerkenswert hoch. Nicht alle Werte, so die Schlussfolgerung, sind gleich gut für die Seele.
Was Schwartz' Kreismodell über die Werte von Menschen verrät
Schwartz ordnete menschliche Werte zunächst in zehn Grundkategorien: von Selbstbestimmung über Wohlwollen bis Macht. Später verfeinerte er das Modell auf neunzehn Werte, angeordnet in einem Kreis – ähnliche Werte liegen nebeneinander, gegensätzliche gegenüber. Dieses Modell wurde in über vierzig Ländern empirisch überprüft. Die Struktur erwies sich als bemerkenswert stabil über Kulturen hinweg. Drei fundamentale Spannungsfelder durchziehen den Kreis: Autonomie versus Eingebundenheit, Gleichheit versus Hierarchie, Harmonie versus Kontrolle.
Für Deutschland liefert das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), eine der größten Langzeitbefragungen weltweit, wichtige Daten. Die European Values Study, zuletzt mit über 60.000 Befragten aus 34 Ländern durchgeführt, zeigt zudem, dass Deutsche im europäischen Vergleich besonders hohe Werte bei Sicherheit und Selbstbestimmung aufweisen – eine Kombination, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt, sich bei genauerem Hinsehen aber als typisch für wohlhabende Gesellschaften erweist.
Was die Werteforschung nicht leisten kann
So elegant Schwartz' Modell ist – es hat Grenzen, und die Forschung selbst benennt sie zunehmend offen. Kritiker merken an, dass Schwartz und seine Kollegen von Anfang an mit einem feststehenden Werteraster arbeiten und dieses beibehalten, auch wenn die Daten dagegen sprechen. Neun der neunzehn Werte müssten laut Datenlage revidiert werden – etwa weil Kategorien unscharf sind oder die empirische Anordnung nicht der theoretisch vorhergesagten entspricht. Zudem trifft die Werteforschung dieselbe Replikationskrise, die die Psychologie insgesamt erschüttert: Einzelstudien, so warnen Methodiker, verdienen zunächst wenig Vertrauen, solange ihre Ergebnisse nicht unabhängig bestätigt wurden. Werte lassen sich außerdem nicht wie Blutdruck messen. Fragebögen erfassen, was Menschen über sich sagen – nicht unbedingt, was sie tatsächlich antreibt. Zwischen bekundetem Wert und gelebtem Verhalten klafft oft eine Lücke, die in der Forschung als „value-action gap" bekannt ist.
Der Kompass und die Reise
Vielleicht liegt die wichtigste Erkenntnis der Werteforschung nicht in einer bestimmten Studie, sondern in einer schlichten Beobachtung: Menschen, die ihre Werte kennen und nach ihnen leben, berichten durchgängig von höherer Lebenszufriedenheit. Nicht weil Werte ein Rezept für Glück wären – sondern weil sie Kohärenz erzeugen. Ein Leben, das sich stimmig anfühlt, muss nicht perfekt sein. Es muss nur in eine Richtung weisen, die dem eigenen Empfinden entspricht. Martin Seligman hat in seinem PERMA-Modell die Dimension „Meaning" – Sinn – als eine der fünf Säulen gelingenden Lebens beschrieben. Werte sind das Material, aus dem dieser Sinn gebaut wird.
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Quellenverzeichnis
Schwartz, S. H. (1992). Universals in the content and structure of values: Theoretical advances and empirical tests in 20 countries. *Advances in Experimental Social Psychology*, 25, 1–65.
Schwartz, S. H. (2006). A Theory of Cultural Value Orientations. *Comparative Sociology*, 5(2–3), 137–182.
Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000). The "what" and "why" of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. *Psychological Inquiry*, 11(4), 227–268.
Kasser, T. & Ryan, R. M. (2001). Be careful what you wish for: Optimal functioning and the relative attainment of intrinsic and extrinsic goals. In P. Schmuck & K. M. Sheldon (Hrsg.), *Life Goals and Well-Being*. Hogrefe.
Seligman, M. E. P. (2011). *Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being*. Free Press.
Schmidt, P., Bamberg, S., Davidov, E., Herrmann, J. & Schwartz, S. H. (2007). Die Messung von Werten mit dem „Portraits Value Questionnaire". *Zeitschrift für Sozialpsychologie*, 38(4), 261–275. DOI: 10.1024/0044-3514.38.4.261
Joas, H. (2006). Wie entstehen Werte? Wertebildung und Wertevermittlung in pluralistischen Gesellschaften. Vortrag und Publikation, zitiert nach purpose-in-der-praxis.de.
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