Ein Sonntagabend im November, das Licht in der Küche ist gedimmt. Zwei Freundinnen sitzen bei Tee zusammen, die eine erzählt von ihrer Beförderung, die andere schweigt. Nicht aus Neid. Sondern weil sie gerade spürt, dass ihr eigenes Leben in eine Richtung driftet, die sie nie gewählt hätte – und sie nicht sagen kann, woran genau das liegt. Vielleicht liegt es daran, dass sie nicht mehr weiß, was ihr eigentlich wichtig ist.
Was Werte von Moral unterscheidet – und warum beides zählt
Die Begriffe Werte und Moral werden im Alltag häufig synonym verwendet, doch psychologisch bezeichnen sie unterschiedliche Phänomene. Shalom Schwartz, emeritierter Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem und einer der einflussreichsten Werteforscher weltweit, definiert Werte als wünschenswerte, situationsübergreifende Ziele, die als Leitprinzipien im Leben dienen. Sie sind mit Gefühlen verknüpft, hierarchisch geordnet und motivieren Handlungen – nicht nur in Ausnahmesituationen, sondern im ganz gewöhnlichen Dienstag. Moral hingegen beschreibt eher die Gesamtheit der in einer Gemeinschaft geltenden Verhaltensregeln, die Handlungen als richtig oder falsch bewerten. Ethik wiederum ist die philosophische Reflexion darüber, nach welchen Prinzipien diese Bewertungen zustande kommen. Die Unterscheidung klingt akademisch, hat aber praktische Konsequenzen: Wer nur moralischen Normen folgt, ohne die eigenen Werte zu kennen, lebt möglicherweise regelkonform, aber innerlich orientierungslos.
Der Kreis der Werte: Schwartz' Modell und seine Spannungen
Schwartz identifizierte in jahrzehntelanger cross-kultureller Forschung mit Daten aus über fünfzig Ländern zehn grundlegende Wertetypen: Selbstbestimmung, Anregung, Hedonismus, Leistung, Macht, Sicherheit, Konformität, Tradition, Wohlwollen und Universalismus. Das Bemerkenswerte an seinem Modell ist die kreisförmige Struktur. Benachbarte Werte ergänzen sich motivational, gegenüberliegende stehen in Spannung zueinander. Wer Macht anstrebt – also Kontrolle über Ressourcen und Menschen –, wird es schwer haben, gleichzeitig Universalismus zu leben, der Fairness gegenüber allen fordert. Wer Sicherheit priorisiert, steht in einem natürlichen Spannungsverhältnis zu Stimulation und Veränderung. Diese Konflikte sind keine Pathologie, sondern Ausdruck der menschlichen Grundsituation: Wir müssen ständig zwischen konkurrierenden Werten navigieren. In einer späteren Erweiterung differenzierte Schwartz das Modell auf neunzehn Werte, um feinere Unterschiede abzubilden – etwa zwischen der Freiheit im Denken und der Freiheit im Handeln. Eine Studie mit 6.059 Teilnehmenden aus zehn Ländern bestätigte die verfeinerte Struktur und wurde im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht.
Wenn Werte lebendig werden: Die Perspektive der ACT
Während Schwartz' Modell beschreibt, welche Werte existieren und wie sie zueinander stehen, fragt die Akzeptanz- und Commitment-Therapie, kurz ACT, nach etwas anderem: Lebst du tatsächlich danach? In der ACT, entwickelt vom US-amerikanischen Psychologen Steven Hayes, gelten Werte nicht als starre Überzeugungen, sondern als frei gewählte Richtungen – vergleichbar einem Kompass, nicht einem Ziel, das man abhaken kann. Der therapeutische Prozess der Werteklärung hilft Menschen, herauszufinden, was ihnen wirklich wichtig ist, jenseits von Erwartungen, Gewohnheit oder Angst. Forschungsergebnisse zeigen, dass psychologische Flexibilität – die Fähigkeit, auch bei schwierigen Gefühlen werteorientiert zu handeln – mit höherem Wohlbefinden und geringerer psychischer Belastung einhergeht. Deci und Ryan kommen aus einer anderen theoretischen Tradition, der Selbstbestimmungstheorie, zu einem ähnlichen Ergebnis: Wenn Menschen ihre grundlegenden Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit erfüllen, erleben sie mehr intrinsische Motivation und Lebenszufriedenheit. Die Verbindung ist offensichtlich. Wer die eigenen Werte kennt und ihnen Raum gibt, handelt autonomer, fühlt sich kompetenter in seinen Entscheidungen und pflegt Beziehungen, die auf echtem Interesse statt auf Pflichtgefühl beruhen.
Was die Forschung nicht klären kann
So überzeugend die Modelle klingen, so wichtig ist ein nüchterner Blick auf ihre Grenzen. Die Schwartz-Werte werden überwiegend mit Selbstberichten gemessen – Menschen geben an, was ihnen wichtig ist, nicht unbedingt, wonach sie tatsächlich handeln. Die Kluft zwischen deklarierten und gelebten Werten ist ein bekanntes methodisches Problem, das selten ausreichend adressiert wird. Auch die Annahme universeller Wertestrukturen wird kritisiert: In manchen kulturellen Kontexten lassen sich die zehn Wertetypen nicht sauber replizieren, und die kreisförmige Anordnung zeigt gelegentlich Verzerrungen. Die ACT-Forschung steht vor ähnlichen Herausforderungen. Viele Studien arbeiten mit relativ kleinen Stichproben, und die Frage, ob Werteklärung allein therapeutisch wirksam ist oder nur im Zusammenspiel mit den anderen ACT-Prozessen, bleibt offen. Hinzu kommt ein grundsätzliches philosophisches Problem: Kann man Werte und Moral wirklich sauber trennen, oder beeinflussen gesellschaftliche Normen unsere vermeintlich frei gewählten Werte stärker, als wir wahrhaben wollen? Die Replikationskrise in der Psychologie mahnt insgesamt zur Vorsicht gegenüber allzu glatten Erzählungen.
Sich selbst besser kennenlernen
Vielleicht liegt die eigentliche Erkenntnis der Werteforschung nicht in einem bestimmten Modell, sondern in einer einfachen Beobachtung: Die meisten Menschen haben erstaunlich selten Gelegenheit, in Ruhe darüber nachzudenken, was ihnen wirklich wichtig ist. Nicht was wichtig sein sollte, nicht was die Eltern sich gewünscht hätten, nicht was auf LinkedIn gut aussieht. Sondern was bleibt, wenn all das wegfällt. Die Forschung von Schwartz, Hayes und Deci und Ryan deutet in dieselbe Richtung – ein Leben, das an den eigenen Werten ausgerichtet ist, fühlt sich nicht unbedingt leichter an, aber stimmiger. Und diese Stimmigkeit scheint einer der verlässlichsten Prädiktoren für langfristiges Wohlbefinden zu sein.
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Quellenverzeichnis
Schwartz, S. H. (2012). An Overview of the Schwartz Theory of Basic Values. Online Readings in Psychology and Culture, 2(1). Grand Valley State University.
Schwartz, S. H. et al. (2012). Refining the Theory of Basic Individual Values. Journal of Personality and Social Psychology, 103(4), 663–688.
Hayes, S. C., Strosahl, K. D. & Wilson, K. G. (2012). Acceptance and Commitment Therapy: The Process and Practice of Mindful Change. 2. Auflage, Guilford Press.
Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2020). Intrinsic and Extrinsic Motivation from a Self-Determination Theory Perspective: Definitions, Theory, Practices, and Future Directions. Contemporary Educational Psychology.
Sagiv, L. & Schwartz, S. H. (2022). Personal Values Across Cultures. Annual Review of Psychology, 73, 517–546.
Deutsche Gesellschaft für Kognitive Verhaltenstherapie (DGKV). ACT in der Forschung – Übersicht zur Evidenzlage. dgkv.info.
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