Werte

Werte-Modell in der Psychologie: Warum Schwartz und ACT erklären, was uns wirklich antreibt

02. Juli 2026
Werte-Modell in der Psychologie: Warum Schwartz und ACT erklären, was uns wirklich antreibt

Sonntagabend, der Laptop ist zugeklappt, die Woche noch nicht verdaut. Jemand sitzt am Küchentisch und spürt eine diffuse Unzufriedenheit, obwohl objektiv alles in Ordnung ist – guter Job, stabile Beziehung, genug Geld. Irgendetwas stimmt trotzdem nicht. Vielleicht liegt die Antwort nicht in dem, was fehlt, sondern in dem, was man still übergangen hat: die eigenen Werte.

Was Werte eigentlich sind – und was nicht

Im Alltag sprechen wir von Werten, als wären sie Deko-Schilder an der Wand: Freiheit, Familie, Ehrlichkeit. Psychologisch betrachtet sind Werte etwas Präziseres. Shalom Schwartz, emeritierter Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, definiert sie als wünschenswerte, situationsübergreifende Ziele, die als Leitprinzipien im Leben dienen. Sie unterscheiden sich von Einstellungen, weil sie nicht an einzelne Objekte gebunden sind. Sie unterscheiden sich von Normen, weil sie nicht von außen vorgeschrieben werden. Und sie unterscheiden sich von flüchtigen Stimmungen, weil sie über Jahre hinweg erstaunlich stabil bleiben. Entscheidend ist dabei weniger, welche Werte jemand hat – fast alle Menschen kennen dieselben Grundwerte. Entscheidend ist die Rangordnung. Welcher Wert hat Vorrang, wenn zwei miteinander kollidieren? In dieser Hierarchie zeigt sich die Persönlichkeit.

Der Kreis der zehn Werte: Schwartz' Modell

Das Werte-Modell der Psychologie, das Schwartz in den 1990er Jahren entwickelte, identifiziert zehn universelle Wertetypen: Selbstbestimmung, Anregung, Hedonismus, Leistung, Macht, Sicherheit, Konformität, Tradition, Wohlwollen und Universalismus. Das Besondere daran ist ihre Anordnung in einer kreisförmigen Struktur. Benachbarte Werte ergänzen einander motivational, gegenüberliegende stehen in Spannung zueinander. Wer Macht anstrebt – also Kontrolle über Ressourcen und Menschen – wird es schwer haben, gleichzeitig Universalismus zu leben, also bedingungslose Sorge um das Wohl aller. Wer dagegen Sicherheit betont, findet in Konformität eine natürliche Nachbarin.

Zwei große Achsen durchziehen diesen Kreis. Die eine spannt sich zwischen Offenheit für Veränderung und Bewahrung des Bestehenden. Die andere zwischen Selbst-Transzendenz und Selbstverstärkung. In Studien mit Teilnehmenden aus über fünfzig Ländern bestätigte sich diese Struktur kulturübergreifend, auch wenn die konkreten Prioritäten je nach Gesellschaft variieren. Schwartz verfeinerte das Modell später auf neunzehn Werte, um Überlappungen aufzulösen. Eine Studie mit 6.059 Personen aus zehn Ländern, publiziert im Journal of Personality and Social Psychology, validierte diese erweiterte Version empirisch.

Werte als Kompass: Die Perspektive der ACT

Während Schwartz beschreibt, welche Werte es gibt und wie sie zusammenhängen, stellt die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) eine andere Frage: Lebst du im Einklang mit deinen Werten? In der ACT, entwickelt von Steven C. Hayes, gelten Werte nicht als Ziele, die man erreichen und abhaken kann, sondern als Richtungen, in die man sich bewegt – wie ein Kompass, nicht wie ein Zielort. Wer den Wert Fürsorge lebt, wird nie an einem Punkt ankommen, an dem Fürsorge erledigt ist. Aber jede einzelne Handlung kann in diese Richtung weisen oder davon abweichen.

Die therapeutische Kraft dieses Ansatzes liegt in der sogenannten psychologischen Flexibilität: der Fähigkeit, unangenehme Gedanken und Gefühle zu akzeptieren und trotzdem wertekongruent zu handeln. Forschungsergebnisse zeigen, dass Werteklärung innerhalb der ACT mit signifikanten Verbesserungen bei Angst, Depression und allgemeinem Wohlbefinden einhergeht. Eine systematische Forschungsübersicht bestätigt die Wirksamkeit der ACT in klinischen Kontexten, wobei Wertearbeit als einer der sechs Kernprozesse gilt.

Wo das Werte-Modell in der Psychologie an seine Grenzen stößt

So elegant Schwartz' Kreisstruktur wirkt, so berechtigt sind kritische Einwände. Die Messung von Werten basiert auf Selbstauskünften – Menschen berichten also, was ihnen wichtig ist, nicht, wonach sie tatsächlich handeln. Zwischen bekundeten und gelebten Werten klafft oft eine beträchtliche Lücke. Zudem lässt sich die feine Unterscheidung in neunzehn Werte kulturübergreifend nicht immer sauber replizieren. Methodisch kritisieren Forschende, dass Fragebögen wie die Portrait Values Questionnaire sozial erwünschte Antworten begünstigen. Und die ACT-Forschung steht vor der Herausforderung, den spezifischen Beitrag der Werteklärung von anderen Therapiekomponenten zu isolieren. Die Werte-Forschung bietet keine einfachen Wahrheiten – aber sie bietet ein differenziertes Vokabular für Fragen, die jeden betreffen.

Was daraus folgt

Die Forschung zeichnet ein konsistentes Bild: Wer die eigenen Werte kennt und im Alltag danach handelt, berichtet höhere Lebenszufriedenheit und psychische Stabilität. Nicht weil Werte ein Rezept gegen Leid wären, sondern weil sie Orientierung geben, wenn vieles unübersichtlich wird. Wer tiefer in diese Zusammenhänge eintauchen möchte, findet im Glückskurs „Kind des Glücks" einen strukturierten Rahmen, um die eigenen Werte nicht nur zu benennen, sondern erfahrbar zu machen. Der Kurs verbindet wissenschaftlich fundierte Reflexionsübungen mit Erkenntnissen aus der Positiven Psychologie und der Akzeptanz- und Commitment-Therapie – eine Einladung, dem diffusen Gefühl am Sonntagabend einen Namen zu geben.

Quellenverzeichnis

Schwartz, S. H. (2012). An Overview of the Schwartz Theory of Basic Values. Online Readings in Psychology and Culture, 2(1). Grand Valley State University.

Schwartz, S. H. et al. (2012). Refining the Theory of Basic Individual Values. Journal of Personality and Social Psychology, 103(4), 663–688.

Schwartz, S. H. (2022). The Schwartz Theory of Basic Values and Some Implications for Political Philosophy. Integration and Implementation Insights (i2insights.org).

Hayes, S. C., Strosahl, K. D. & Wilson, K. G. (2012). Acceptance and Commitment Therapy: The Process and Practice of Mindful Change. Guilford Press, 2. Auflage.

Oberberg Kliniken (2024). ACT-Therapie: Akzeptanz- und Commitment-Therapie. oberbergkliniken.de.

DGKV – Deutsche Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (2024). ACT in der Forschung. dgkv.info.

Wirtschaftspsychologie aktuell (2012). Die entscheidenden Werte eines Menschen. wirtschaftspsychologie-aktuell.de.

Der Glückskurs

Glück ist lernbar –
wir zeigen es dir

Du musst das Rad nicht neu erfinden – die Psychologie hat schon viele Antworten. Im Glückskurs „Kind des Glücks" lernst Du, was die Forschung über dauerhaftes Wohlbefinden weiß, und wie Du dieses Wissen konkret nutzen kannst, um echtes Glück zu erleben. Mit Übungen, Tools und einem begleiteten Weg.

Zum Glückskurs
Werte-Modell Psychologie erklärt | Kind des Glücks