Werte

Werte herausfinden – warum wir oft nicht wissen, was uns wirklich wichtig ist

01. Juni 2026
Werte herausfinden – warum wir oft nicht wissen, was uns wirklich wichtig ist

Es ist Sonntagabend, und irgendwo in einer deutschen Großstadt sitzt jemand vor zwei Jobangeboten. Das eine zahlt besser, das andere klingt sinnvoller. Der Kopf rechnet, der Bauch zieht sich zusammen, und die Entscheidung fühlt sich an wie eine Prüfung, auf die man sich nicht vorbereitet hat. Was fehlt, ist kein Argument. Was fehlt, ist Klarheit darüber, was eigentlich zählt.

Die eigenen Werte herausfinden – das klingt nach Selbstoptierung an einem Retreat-Wochenende. Tatsächlich aber ist die bewusste Auseinandersetzung mit persönlichen Werten eines der am besten erforschten Themen an der Schnittstelle zwischen Positiver Psychologie, Motivationsforschung und klinischer Psychologie. Die Befunde sind erstaunlich konsistent: Wer seine Werte kennt, lebt zufriedener. Wer sie nicht kennt, zahlt einen psychologischen Preis.

Der innere Kompass und seine Wirkung

Persönliche Werte sind keine frommen Wünsche. In der Definition des Sozialpsychologen Shalom Schwartz handelt es sich um überdauernde, situationsübergreifende Überzeugungen darüber, welche Zustände und Verhaltensweisen erstrebenswert sind. Sie steuern Entscheidungen, filtern Wahrnehmungen, geben dem Alltag Struktur. Schwartz identifizierte in Studien aus über 80 Ländern zehn grundlegende Werttypen – von Selbstbestimmung über Wohlwollen bis hin zu Sicherheit –, die sich in einer zirkulären Struktur anordnen lassen. Manche Werte verstärken sich gegenseitig, andere stehen in Spannung zueinander.

Diese Spannung ist kein Fehler im System. Sie ist der Normalfall. Eine Studie, die im Journal *Frontiers in Psychology* veröffentlicht wurde, zeigt allerdings, dass Personen mit besonders widersprüchlichen Werteprofilen – etwa gleichzeitig starke Macht- und starke Fürsorgewerte – erhöhte psychische Belastung aufweisen. Die Autorinnen und Autoren unterscheiden zwischen sogenannten Defizienswerten, die auf Mangelvermeidung ausgerichtet sind, und Wachstumswerten wie Selbstbestimmung oder Universalismus, die stärker mit Wohlbefinden korrelieren.

Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan liefert den theoretischen Rahmen dafür. Ihr zentraler Gedanke: Menschen brauchen Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit, um psychisch gesund zu sein. Wer Handlungen als selbstbestimmt erlebt und sie mit eigenen Werten in Einklang bringt, zeigt nicht nur höhere Lebenszufriedenheit, sondern auch niedrigere Depressions- und Angstwerte. Kasser und Ryan konnten in Längsschnittstudien nachweisen, dass die Verfolgung intrinsischer Werte – persönliches Wachstum, Beziehungen, Gemeinschaft – dem Wohlbefinden zuträglicher ist als die Jagd nach Reichtum oder Status.

Was die Langzeitdaten zeigen

In Deutschland bietet das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) eine einzigartige Datengrundlage. Seit 1984 werden jährlich rund 30.000 Personen befragt, unter anderem zu Lebenszufriedenheit, Gesundheit und sozialen Einstellungen. Die Daten erlauben es, Veränderungen in Werteprioritäten über Jahrzehnte hinweg nachzuzeichnen. Ergänzend dazu nutzen Forschende die European Social Survey und die World Values Survey, um kulturvergleichende Muster zu identifizieren. Befunde aus dem ESS zeigen, dass Werte sich über die Lebensspanne erstaunlich stabil halten, wobei ältere Erwachsene tendenziell stärker zu Bewahrungswerten neigen, während jüngere Offenheit für Veränderung betonen.

Die klinische Relevanz dieser Befunde ist erheblich. In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, kurz ACT, gilt die Klärung persönlicher Werte als therapeutisches Kernelement. Eine meta-analytische Übersicht zur Wirksamkeit von ACT bestätigt moderate bis starke Effekte auf Angst, Depression und Lebensqualität. Auch die aktuelle S3-Leitlinie für psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen empfiehlt Interventionen, die auf Werteorientierung und Selbstbestimmung abzielen. Carr und Kollegen zeigten 2023 in einer groß angelegten Mega-Analyse positiver psychologischer Interventionen, dass wertebasierte Übungen zu den wirksamsten Ansätzen gehören – mit messbaren Effekten auf Lebenszufriedenheit und Sinnerleben.

Was die Werteforschung nicht leisten kann

So konsistent die Befunde klingen – die Forschungslandschaft hat blinde Flecken. Ein grundsätzliches Problem liegt in der Messung: Wenn Menschen in Fragebögen angeben, ihnen sei Wohlwollen wichtiger als Macht, sagt das etwas über ihr Selbstbild, nicht zwingend über ihr tatsächliches Verhalten. Soziale Erwünschtheit verzerrt nahezu jede Wertebefragung. Zudem hat die Psychologie insgesamt mit einer Replikationskrise zu kämpfen, die auch die Positive Psychologie nicht verschont. Das Wissenschaftsmagazin *Spektrum* berichtete ausführlich über die Schwierigkeiten, klassische Befunde der Sozialpsychologie unter kontrollierten Bedingungen zu reproduzieren. Nicht jede Studie, die einen Zusammenhang zwischen Werteklarheit und Wohlbefinden nahelegt, hält einer strengen Überprüfung stand.

Hinzu kommt ein kultureller Bias. Die meisten Studien stammen aus westlichen, gebildeten, industrialisierten Gesellschaften – dem sogenannten WEIRD-Sample. Ob die Mechanismen, die in Boston oder Berlin funktionieren, auch in anderen kulturellen Kontexten gelten, ist keineswegs gesichert. Und schließlich besteht die Gefahr, Wertearbeit zu romantisieren. Nicht jeder Mensch hat die Ressourcen, sich in Ruhe mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen. Wer unter Existenzangst, Armut oder akuter psychischer Erkrankung leidet, braucht zunächst Stabilisierung – nicht eine Werte-Übung.

Die leise Frage, die bleibt

Vielleicht liegt die eigentliche Kraft der Wertearbeit nicht in der Antwort, sondern in der Bereitschaft, die Frage überhaupt zu stellen. Die Psychologin Carol Ryff beschrieb Lebenssinn und persönliches Wachstum als zentrale Dimensionen psychologischen Wohlbefindens – und beide setzen voraus, dass ein Mensch zumindest eine Ahnung davon hat, was ihm wichtig ist. Nicht als fertige Liste. Eher als fortwährendes Gespräch mit sich selbst.

Dan McAdams, einer der führenden Forscher zur narrativen Identität, argumentiert, dass Menschen psychisch davon profitieren, ihre Lebensgeschichte als kohärent zu erleben. Werte sind dabei das organisierende Prinzip. Sie machen aus einzelnen Entscheidungen, Umwegen und Brüchen eine erzählbare Geschichte. Wer seine Werte herausfinden will, beginnt also nicht bei einer abstrakten Auflistung – sondern bei der Frage, welche Momente im eigenen Leben sich bedeutsam anfühlten und warum.

Wer diese Frage vertiefen möchte und Interesse an einer strukturierten Auseinandersetzung mit den psychologischen Grundlagen eines gelingenden Lebens hat, findet im Glückskurs „Kind des Glücks" einen begleiteten Rahmen dafür. Der Kurs verbindet wissenschaftlich fundierte Konzepte aus Positiver Psychologie und Werteforschung mit Reflexionsübungen, die persönliche Klarheit nicht versprechen, aber möglich machen – als Einladung, dem eigenen inneren Kompass etwas genauer zuzuhören.

Quellenverzeichnis

Schwartz, S. H. (2012). An Overview of the Schwartz Theory of Basic Values. *Online Readings in Psychology and Culture*, 2(1). DOI: 10.9707/2307-0919.1116

Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000). The "What" and "Why" of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. *Psychological Inquiry*, 11(4), 227–268.

Carr, A. et al. (2023). Effectiveness of Positive Psychology Interventions: A Mega-Analysis. *The Journal of Positive Psychology*. Zusammenfassung verfügbar unter psychologie-des-gluecks.de.

Ryff, C. D. (1989). Happiness Is Everything, or Is It? Explorations on the Meaning of Psychological Well-Being. *Journal of Personality and Social Psychology*, 57(6), 1069–1081.

Gloster, A. T. et al. (2020). An Acceptance and Commitment Therapy Meta-Analytic Review. Überblick verfügbar unter contextualscience.org.

SOEP – Sozio-ökonomisches Panel. Langzeitstudie des DIW Berlin, laufend seit 1984. Dokumentation unter diw.de/soep.

Pohling, R. et al. (2022). Values and Mental Health: Value Priorities and Value Conflicts in Relation to Psychological Distress. *Frontiers in Psychology*. PMC ID: PMC8913609.

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