Ein Mann Mitte vierzig sitzt an einem Sonntagabend am Küchentisch, den Laptop aufgeklappt. Er hat gegoogelt: „Werte eines Menschen Liste". Jetzt starrt er auf eine alphabetisch sortierte Aufzählung – Achtsamkeit, Ehrlichkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Kreativität – und versucht, fünf davon als seine eigenen zu markieren. Es fühlt sich an wie ein Persönlichkeitstest in einer Zeitschrift. Irgendwie richtig. Und gleichzeitig seltsam leer.
Solche Listen sind überall. In Coaching-Blogs, Karriereratgebern, auf Pinnwänden in Großraumbüros. Doch die psychologische Forschung zeichnet ein weit komplexeres Bild davon, was Werte eigentlich sind, wie sie entstehen und warum sie so tief in unser Wohlbefinden hineinwirken.
Was Werte von bloßen Vorlieben unterscheidet
Der Philosoph Hans Joas beschreibt Werte als mit intensiven Gefühlen verknüpfte Vorstellungen davon, „was eigentlich wahrhaftig des Wünschens wert ist". Sie entstehen nicht am Reißbrett. Sie wachsen aus Erfahrungen, die uns berühren – Momente, in denen wir spüren, was wirklich zählt. Joas betont das Paradoxe daran: Menschen treffen ihre Wertwahl nicht kühl kalkulierend, binden sich aber danach umso fester an das Gewählte. Werte lassen sich weder verordnen noch stehlen. Sie müssen erlebt werden.
In der Psychologie wird seit Jahrzehnten zwischen Werten und Normen unterschieden. Normen regeln das „Wie" – etwa die Erwartung, pünktlich zu sein. Werte bestimmen das „Warum" und das „Wozu". Sie sind abstrakter, stabiler und motivationaler als Einstellungen. Und sie erfüllen eine Funktion, die in einer unübersichtlichen Welt kaum zu überschätzen ist: Sie geben Orientierung, ermöglichen Entscheidungen in unklaren Situationen und schaffen, wenn sie geteilt werden, ein Gefühl der Zugehörigkeit.
Schwartz und die Landkarte der menschlichen Werte
Der israelisch-amerikanische Sozialpsychologe Shalom Schwartz hat der Werteforschung ein Gerüst gegeben, das bis heute als einflussreichstes Modell gilt. In seiner ursprünglichen Theorie identifizierte er zehn grundlegende Wertetypen – darunter Selbstbestimmung, Hedonismus, Sicherheit, Wohlwollen und Universalismus –, die er auf einem kreisförmigen Kontinuum anordnete. Benachbarte Werte ergänzen sich, gegenüberliegende stehen in Spannung zueinander. Wer etwa Sicherheit hoch priorisiert, wird tendenziell weniger Stimulation suchen.
Schwartz validierte sein Modell in über 20 Ländern und fand bemerkenswerte kulturelle Universalien. Menschen überall auf der Welt stehen offenbar vor ähnlichen Grundfragen: Wie viel Freiheit brauche ich gegenüber der Gruppe? Wie gehe ich mit Macht und Hierarchie um? Soll ich meine Umwelt kontrollieren oder mich einfügen? Die Antworten variieren – aber die Fragen scheinen menschlich zu sein.
Später erweiterte Schwartz sein Modell auf 19 differenziertere Werte. Deutsche Validierungsstudien mit dem „Portrait Values Questionnaire" bestätigten die Struktur auch für den deutschsprachigen Raum und zeigten konvergente Validität über verschiedene Messinstrumente hinweg. Wer also eine Werte eines Menschen Liste sucht, findet in Schwartz' Modell eine empirisch fundierte Grundlage – allerdings eine, die weit mehr ist als eine Aufzählung.
Edward Deci und Richard Ryan ergänzten diese Perspektive durch ihre Selbstbestimmungstheorie. Ihr zentraler Befund: Nicht welche Werte jemand hat, ist allein entscheidend, sondern ob diese Werte autonom gewählt oder von außen aufgedrängt wurden. Eine Person, die Leistung aus innerem Antrieb verfolgt, zeigt völlig andere Wohlbefindensmuster als jemand, der denselben Wert nur verfolgt, weil die Eltern es so erwarten. Kasser und Ryan zeigten in einer Längsschnittstudie mit Studierenden, dass starke extrinsische Wertorientierungen – Reichtum, Ruhm, Attraktivität – über ein Jahr hinweg mit signifikant mehr Angst und depressiven Symptomen einhergingen.
Wo die Forschung an ihre Grenzen stößt
So elegant Schwartz' Modell wirkt – es ist nicht ohne Schwächen. Kritiker bemerken, dass die erweiterte 19-Werte-Version erheblich unübersichtlicher geworden ist. Schwerwiegender: Schwartz und sein Team arbeiten von Beginn an mit einem feststehenden Werteraster und halten daran fest, auch wenn die Daten dagegen sprechen. Neun der 19 Werte müssten laut empirischer Befunde revidiert werden, weil entweder die Kategorien ungenau sind oder die vorhergesagte Reihenfolge nicht stimmt. Dieses Problem ist kein Einzelfall. Die Psychologie insgesamt kämpft mit einer Replikationskrise, die auch die Werteforschung betrifft. Einzelnen Studien, so der Wissenschaftsjournalismus, sollte man grundsätzlich weniger Gewicht geben als robusten, über Jahre replizierten Befunden. Hinzu kommt ein methodisches Grundproblem: Wenn Menschen in Fragebögen ihre Werte angeben, messen wir vielleicht eher, was sie für sozial erwünscht halten – nicht unbedingt, was sie tatsächlich antreibt.
Das stille Gewicht dessen, was wir wählen
Vielleicht liegt die eigentliche Erkenntnis der Werteforschung nicht in der perfekten Taxonomie, sondern in einer einfacheren Beobachtung: Werte entfalten ihre Kraft erst, wenn sie gelebt werden. Der Deutschland-Monitor 2025 zeigt eindrücklich, wie weit ideale und gelebte Werte auseinanderklaffen können – 98 Prozent der Deutschen befürworten die Demokratie als Idee, doch nur 60 Prozent sind mit ihrer Umsetzung zufrieden. Was für Gesellschaften gilt, gilt auch für Individuen. Eine Liste an der Wand verändert nichts. Erst die ehrliche Auseinandersetzung damit, wo das eigene Handeln den eigenen Werten entspricht – und wo nicht –, setzt etwas in Bewegung.
Joas hat das schön auf den Punkt gebracht: Sich an einen Wert zu binden bedeutet, eine Einschränkung der grenzenlosen Freiheit zu wählen. Doch gerade diese bewusste Wahl macht handlungsfähig. Sie schafft nicht Enge, sondern Klarheit.
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Quellenverzeichnis
Schwartz, S. H. (2006). A Theory of Cultural Value Orientations: Explication and Applications. Comparative Sociology, 5(2–3), 137–182.
Schwartz, S. H. et al. (2012). Refining the Theory of Basic Individual Values. Journal of Personality and Social Psychology, 103(4), 663–688.
Joas, H. (2000). Die Entstehung der Werte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.
Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000). The "What" and "Why" of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
Kasser, T. & Ryan, R. M. (2001). Be Careful What You Wish For: Optimal Functioning and the Relative Attainment of Intrinsic and Extrinsic Goals. In: P. Schmuck & K. M. Sheldon (Hrsg.), Life Goals and Well-Being. Hogrefe.
Schmidt, P., Bamberg, S., Davidov, E., Herrmann, J. & Schwartz, S. H. (2007). Die Messung von Werten mit dem "Portraits Value Questionnaire". Zeitschrift für Sozialpsychologie, 38(4), 261–275. DOI: 10.1024/0044-3514.38.4.261
Deutschland-Monitor 2025. Bundesministerium des Innern. Verfügbar unter: https://deutschland-monitor.info
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