Glücklichsein

24 Charakterstärken: Was die Forschung wirklich über unsere besten Seiten weiß

19. April 2026
24 Charakterstärken: Was die Forschung wirklich über unsere besten Seiten weiß

An einem Samstagmorgen im Café tippt jemand am Nebentisch konzentriert auf sein Handy. Der Bildschirm zeigt einen Online-Test, 240 Fragen lang. „Ich will endlich wissen, was mich ausmacht", sagt die Frau zu ihrer Begleiterin, als hätte sie gerade eine Schatzkarte entdeckt. Was sie da ausfüllt, ist der VIA-Stärkentest – und sie ist nicht allein damit. Über 35 Millionen Menschen weltweit haben diesen Fragebogen bereits bearbeitet, der verspricht, die eigenen Charakterstärken sichtbar zu machen. Aber was genau misst er? Und was sagt die Wissenschaft wirklich über diese viel beschworenen 24 Charakterstärken?

## Eine Landkarte des guten Charakters

Die Geschichte beginnt um die Jahrtausendwende, als Martin Seligman und Christopher Peterson einen ungewöhnlichen Forschungsauftrag formulierten. Statt zu fragen, was mit Menschen nicht stimmt, wollten sie wissen: Was ist richtig an ihnen? Ihr Team durchforstete philosophische und religiöse Traditionen von Aristoteles über den Konfuzianismus bis zum Buddhismus und suchte nach Tugenden, die über Kulturen und Epochen hinweg als bewundernswert gelten. Das Ergebnis, veröffentlicht 2004 als monumentales Handbuch „Character Strengths and Virtues", war eine Klassifikation von 24 Charakterstärken, geordnet unter sechs universellen Tugenden: Weisheit, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Transzendenz.

Kreativität und Neugier gehören zur Weisheit. Tapferkeit und Ausdauer zum Mut. Liebe und Güte zur Menschlichkeit. Dankbarkeit und Hoffnung zur Transzendenz. Die Idee dahinter ist bestechend einfach – jeder Mensch verfügt über alle 24 Stärken, aber in unterschiedlicher Ausprägung. Die obersten fünf bilden die sogenannten Signaturstärken, jene Eigenschaften also, die sich besonders authentisch und mühelos anfühlen, wenn man sie einsetzt.

## Warum Stärken glücklich machen können

Dass die Kenntnis der eigenen Stärken mehr ist als eine nette Selbstbestätigung, zeigen mittlerweile zahlreiche Studien. Eine aktuelle Meta-Analyse von Casali und Feraco aus dem Jahr 2025, die 130 Studien mit über 275.000 Teilnehmern zusammenfasste, bestätigt einen konsistenten Zusammenhang zwischen fast allen Charakterstärken und psychischem Wohlbefinden. Besonders stark fielen die Effekte bei Hoffnung, Enthusiasmus und Dankbarkeit aus – jene Stärken also, die Menschen helfen, Sinn zu erleben, sich lebendig zu fühlen und das Gute im Alltag wahrzunehmen.

Die Wirkmechanismen lassen sich durch verschiedene theoretische Linsen verstehen. Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan etwa legt nahe, dass der Einsatz von Signaturstärken die psychologischen Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit befriedigt. Wer seine Stärken lebt, handelt authentischer – und fühlt sich dadurch wirksamer und verbundener. Martin Seligmans PERMA-Modell wiederum integriert Charakterstärken als Fundament aller fünf Säulen eines gelingenden Lebens: positive Emotionen, Engagement, Beziehungen, Sinn und Zielerreichung. Die Stärken sind demnach keine Dekoration des guten Lebens, sondern sein tragendes Gerüst.

Auch im Arbeitskontext zeigen sich Effekte. Die VIA-Forschungsdatenbank dokumentiert, dass Mitarbeitende, die ihre Signaturstärken regelmäßig einsetzen können, höheres Arbeitsengagement und geringere Burnout-Raten berichten. Claudia Harzer und Willibald Ruch, führende Forscher an der Universität Zürich, konnten zeigen, dass bereits die Nutzung von vier der fünf Signaturstärken am Arbeitsplatz mit signifikant höherer Arbeitszufriedenheit einhergeht.

## Was die Forschung über Kulturen hinweg zeigt

Die internationale Datenlage ist bemerkenswert konsistent – und zugleich aufschlussreich in ihren Nuancen. McGrath und Kollegen analysierten Daten aus 75 Nationen und fanden, dass Ehrlichkeit, Fairness, Güte und Urteilsvermögen weltweit zu den am höchsten bewerteten Stärken zählen, während Selbstregulation, Demut und Besonnenheit fast überall am niedrigsten rangieren. Die Grundstruktur scheint kulturübergreifend stabil zu sein. Gleichzeitig ergaben sich demografische Muster: Frauen erzielten durchweg höhere Werte bei den Menschlichkeitsstärken, jüngere Erwachsene beim Humor. Solche Unterschiede sind moderat, aber sie deuten darauf hin, dass Charakterstärken keine rein individuellen Merkmale sind, sondern auch von sozialen Rollen und kulturellen Erwartungen geformt werden.

## Wo das Modell an seine Grenzen stößt

So einflussreich die VIA-Klassifikation geworden ist, so berechtigt sind die wissenschaftlichen Einwände. Ein zentrales Problem betrifft die Faktorenstruktur. Peterson und Seligman postulierten sechs Tugenden als übergeordnete Kategorien, doch zahlreiche Faktorenanalysen konnten diese Sechser-Struktur nicht replizieren. Die empirischen Daten legen eher eine vier- oder fünffaktorielle Lösung nahe, wie McGrath in mehreren Studien zeigte. Die theoretisch postulierte Ordnung und die statistische Realität klaffen also auseinander. Der Philosoph Christian Miller kritisierte zudem grundsätzlich, dass die Klassifikation weder rein empirisch entdeckt noch rein theoretisch abgeleitet sei, sondern einen hybriden Status einnehme, der schwer zu falsifizieren ist.

Ein weiterer Einwand betrifft die Messung selbst. Der VIA-IS basiert ausschließlich auf Selbstberichten, was ihn anfällig für soziale Erwünschtheit macht. Die durchweg rechtsschiefe Verteilung der Antworten – die meisten Menschen schätzen sich bei fast allen Stärken überdurchschnittlich ein – wirft die Frage auf, ob der Test tatsächlich individuelle Unterschiede abbildet oder eher normative Selbstbilder reproduziert. Schließlich bleibt die Kausalitätsfrage offen: Macht der Einsatz von Stärken tatsächlich glücklicher, oder berichten glückliche Menschen schlicht mehr Stärken? Die meisten Studien sind korrelativ, und die wenigen randomisierten kontrollierten Studien zeigen zwar positive, aber oft kleine Effekte.

## Eine Einladung zur Selbsterkundung – mit offenen Augen

Trotz dieser Einschränkungen hat das Modell der 24 Charakterstärken etwas in die psychologische Landschaft eingebracht, das vorher fehlte: eine gemeinsame Sprache für das, was an Menschen gut ist. Nicht als naive Selbstoptimierung, sondern als differenziertes Vokabular für Qualitäten, die im Alltag oft unbenannt bleiben. Die Neugier, die jemanden morgens aus dem Bett treibt. Die Güte, die sich in einer beiläufigen Geste zeigt. Die Ausdauer, die niemand sieht. Vielleicht liegt der eigentliche Wert der Stärkenforschung weniger in den Testergebnissen als in der Frage, die sie aufwirft: Wissen wir eigentlich, was uns im Innersten ausmacht – und nutzen wir es?

Wer sich systematischer mit dieser Frage beschäftigen möchte, findet im Glückskurs „Kind des Glücks" einen begleiteten Rahmen, der Erkenntnisse aus der Charakterstärkenforschung mit persönlichen Reflexionsübungen verbindet. Der Kurs lädt dazu ein, die eigenen Stärken nicht nur zu identifizieren, sondern im Alltag bewusster einzusetzen – als einen Weg, sich selbst besser kennenzulernen und das eigene Wohlbefinden auf eine fundierte Grundlage zu stellen.

## Quellenverzeichnis

Peterson, C. & Seligman, M. E. P. (2004). Character Strengths and Virtues: A Handbook and Classification. Oxford University Press / American Psychological Association.

Casali, N. & Feraco, T. (2025). Hope, Gratitude, and Zest Strongly Linked to Well-Being: Meta-Analyse über 130 Studien mit 275.000+ Teilnehmern. Berichtet via Simply Psychology.

McGrath, R. E. (2015). Character Strengths in 75 Nations: An Update. The Journal of Positive Psychology. VIA Institute on Character.

Ruch, W. & Harzer, C. Signaturstärken am Arbeitsplatz und Arbeitszufriedenheit. Universität Zürich. Dokumentiert in der VIA Research Findings Database.

Deci, E. L. & Ryan, R. M. Self-Determination Theory: Basic Psychological Needs in Motivation, Development, and Wellness. Guilford Press.

Miller, C. (2018). Philosophical Critique of the VIA Classification. Veröffentlicht via Scott Barry Kaufman / Wake Forest University.

Seligman, M. E. P. (2011). Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-Being. Free Press.

Der Glückskurs

Glück ist lernbar –
wir zeigen es dir

Glück lässt sich nicht kaufen, aber es lässt sich lernen. Der Glückskurs „Kind des Glücks" führt Dich durch die psychologischen Grundlagen eines erfüllten Lebens – von Selbstkenntnis über Sinnfindung bis hin zu gesunden Beziehungen. Wissenschaftlich fundiert, menschlich nah.

Zum Glückskurs